Kunst der Worte

 

Auszüge aus dem Werk Belcanto Serale/Daniel Passón; erschienen im DomhoffVerlag 2002.

 

aus dem Kapitel Über die Liebe

 

Alles Dir

reyft diese Rosen, die man in

keynem Dunkel sieht, und nach demselben

ständig trachten, nur mit eynem Unterschied:

sie tun es milder.

 

Aus ihnen gehen leyse Bilder, die deynes Ganzen

Abbild sind, und streuen da und hier

und dort

und überall deyn Wesen:

alles Dir

erstirbt meyn Wort.

 

-

 

O Liebe, ich kannte deyn Leyden nicht

 

O Liebe, ich kannte deyn Leyden nicht,

du warst mir vollkommen an Gottesgestalt;

in all deynen Fasern des Leychtsinns Momente

und bloß deyn Name war mir Gedicht:

O Liebe, ich kannte die Prüfung nicht...

 

Ich legte mich sehnendt an deyne Seyte

in all meynem kindlichen Sinn;

auf daß mich die milde durch Nächte geleyte

zu ihren uralten Wäldern hin...

 

Güte ist endlich – auch das ist Gedicht;

eyn Wort nur kann dich niemals nennen;

o Liebe, ich kannte die Prüfung nicht,

sag: werde ich dich

jemals kennen?

 

-

 

Die Ernsthaftigkeit der Liebe

 

Meyne Feder führest du, still und beständig

und Hymnen auf dich, schreybt sie eygenhändig,

denn, das was sie sieht,

ist voller Lieder; so schreybt sie nieder:

 

Wer höret noch dieser süßen Posie,

wer mühet sich redlich, sie wahr zu verstehn?

Schnell wird sie eyn Sinnbild der Selbstironie,

wenn man anfängt, den Wert ihrer Seele zu drehn,

nach Selbstbedingen.

 

In Geystes Räumen, die schmale Wege sind,

weyl an ihren Wegesrändern,

durch Zeyt und Raum ihre Zeyt verrinnt –

sie weysz nichts von Ländern, die oft

einem wirren

Geyste entspringen...

 

-

 

Sie hält inne. Nun ist sie groß, und

mit gleycher Kraft, nur umgekehrter Sinne,

zieht sie mich

fort aus ihrem Schoß: sieh! –

alles dieses ist deyn Kind.

 

Wie auch der Sturme und der Wind,

wohlgenannt, der Götter Atem, dran ich

verwehe. Taub und blind werd ich

in meynem Dir-Erwarten: sieh! –

alles dieses ist deyn Kind.

 

Wie auch die Nacht, die mir jetzt schöne,

als eyne Anreyhung der Töne lieb

an meyne Ohren dringt; mir linde meynen Schlaf

eynsingt: Geliebte, sieh! –

niemand sonst ist Melodie, soviel

wie du... –

 

Ach, könnte nur ein kleynes Sprechen

alljene Widerstände brechen, drin meyne Seen

gefangen sind – dies wär mir neuer Tage Licht.

Doch auch dieses ist deyn Kind:

ich ruf dich stumm – du hörst mich nicht.

 

-

 

Auf meyner Zunge schmeckst du Liebe:

Liebe schmeckst du – wild und reyf,

deren Labsal meyne Triebe

von jetzt, wie eyn Kometenschweyf,

 

dich ohne Widerruf begleyten;

 

und meyne Zier vor deyner Gaenze,

ist eyn Reygen großer Tänze,

zur Huld der wahren Nachtgeweyhten...

 

An meyner Haut tränkst du dich Ohnmacht,

meyn Überdauern tränkt Verzicht

an Zeytenrahmen, welche brechen,

wird jede Nacht deyn Taggesicht, darin

 

du bist mir Lichtversprechen –

auf meyner Zunge schmeckst du Liebe...

 

-

 

Wüßt ich nur wie – ich würd die Fänge,

drin du mich hältst, ganz anbestimmt,

dem Neuen besser umverteylen –

 

wie auch die Anmut der Gesänge, die mich

stets und ständig nimmt.

 

Wüßt ich nur wie: mich selbst befreyen,

aus den Rängen deyner Reyhen:

würd ich dann fliehn?- Ganz sicher

würde ich bedenken, mit

neuen Winden fortzuziehn, um meyne Wege

selbst zu lenken;

 

Wüßt ich nur wie – würd ich es wagen?

So glaub ich, jeder meyner Schritte,

führt unbesehn zurück zur Mitte, und

erübrigt meyne Fragen

in eynem großen

Dir-Beschenken.

aus dem Kapitel Nachtgeschichten

 Makellos schön

legt sich Gold über Flüsse

und lindert der Nacht

dunkler Überdrüsse, die

sich sanfmütig fügen

kommender Tage,

 

jene schließlich (in ihrem Übertrage)

sich des leychten Sinns ihrerselbst

genügen –

 

Wohl dem, der

allerreynster Seele

ein Bruder ist und anverwandt,

den Sonnenuhren ausgerichtet,

nur Kind der Götter seyn kann,

 

welche fern ihm wohlgesonnen

und deshalb schützend

einer Hand

ihn traumgemut zu führen wissen,

aus fernen Ländern abgesandt,

 

von dort sie neue Staaten bringen,

drin Gold die Flüsse purpur macht;

und wundersam liegt auf den Dingen,

der Tage kommend

heller Nacht.

 

-

 

Obsession

 

Was mich erregte

sind Bilder: bewegte,

die irgendwo oben

auf Venusbergen;

 

meyn Hinfließen lindern.

Mit Händen und Mündern

und der schlankesten Fessel,

die ich jemals sah.

 

Schmiegend entreyßt sie mir

Grund und Boden

und wie jedes Mal sterbe ich

an diesen Toden;

nach denen ich süchtig meyn Wollen

verzehre:

 

komm in deyne Meere,

in deyn innerstes Ich.

 

Zeyt wird mir eynes im

Dir-Verlangen

und mit berauschendem Sinne

ist Klarheyt vergangen –

unter dir, über dir

finde ich mich.

 

Hinterlasse deyn Zeugnis in meynen Wunden, und

sterbe mit mir durch eynige Stunden, bis daß

uns der Tod von uns selber befreyt –

 

-

 

Die Mätresse

Verruchte! Sünderin! Teufelsweyb!

Du weyßt nichts von den Standespflichten;

bei Hofe wird man mit Zungen richten,

du wärst mir Gespiel und Zeytvertreyb...

 

Ein schöner, gewiß!, nun komm mir

zu Lüsten,

lasz die Hitze der Nacht

zwischen den Brüsten

herniederrinnen.

 

Du bist mir für eynige Stunden Endzeyt.

Wegesgeleyt.

Und manchmal das Ohr für die Lebensbeychten.

(wenngleych nur der leychten),

deyn Außen und Innen;

 

soll mir zu unterst erliegen und über mich gleyten,

mit all deynen Seyten,

die ich vermute,

 

beyß ich im Rausche,

bis daß es blute,

koste von deynen Lippen den Lebenssaft.

Du – jetzt und so – bist mir Lebenskraft.

 

Mein heymliches Schwinden, die Meeresnässe;

ich bin deyn König und du die Mätresse –

ich weyß die Intrige;

 

{gleichwohl ist deyn Raten

in wortlosen Taten

mir meynes Schlafes Wiege...}

 

aus dem Kapitel Götterdämmerung

Traum: o Abbild meyner Götter...

 

Traum: o Abbild der Götter, der du

meyner Seele Frieden bist

und das Eynvernehmen

mit Geystes Widerspruch:

tränkst deyne Jünger an den Quellen

des ewigen Seyns und übersteygst

spielend das Jenseytige...

Traum: o Abbild meyner Götter.

 

-

 

Schattenseyten

 

Gleychfluß: Prinzessin reyner Seele –

so scheynts –

nichts zeygt deyne Schattenseyten...

 

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Deyne Güte – meyne Fehler:

ich erwachse dieser Zeyt,

und erweyse deyner Milde

untertänig

meyn Geleyt.

 

Ob

meyner Fehler – deyner Güte

ist all meyn Schaun dir zugewandt

und deynem Haus, darin du bist

mir Heymat als eyn

stilles Land.

 

-

 

Gebet

 

Nenn mich: die Tat!

und ich werde

in deynem Sinne die Felder bestellen. –

Du bist der Regen.

 

Nenn mich: Gehorsam!

und ich werde

dir bis ans Ende des Hierseyns folgen. –

In Demut ergeben.

 

Ich rufe dich: Milde!

und hoffe, du wirst

mir gnädig seyn. –

meyn stiller Prophet.

 

Nenn mich nun: Spiel deynes Geystes!

Und ich werde (auf ewig, so heyßt es)

der Gleychklang,

der in deynem

Dienste steht.

aus dem Kapitel Ansichten

 

Vom Verlust der Jugend

 

...und nun ist Schwindenes

die Rosenblüte des Lebens;

und nichts hält Windenes

in seynem Bestreben, das

leyse kommt und wie eyn Regen,

 

sich über allem Leycht verfließt.

 

Anmuts unerlebte Züge,

die eynst so stolz und weltenreyn,

vergehen nun am Weltgenüge

und fügen sich nur schwer dort eyn,

 

in dem, was sich wie Bücher liest –

 

Doch leyse spiegelt die Verbindung,

in ihrer allerkleynsten Windung,

das Gegenspiel von Seyn und Schwinden:

denn, was vergeht an junger Blüte

 

wird Schönheyt in der Reyfe finden.

 

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Zauberwälder

 

Manche Momente tragen sich nicht

über sich selbst hinaus. Sie sind in sich

wesensgroß, doch unbeständig;

in ihrem werten Angesicht,

 

wünscht man, sie solln gleych wie Felder

seyn; und macht dann Zauberwälder

in diesem Wunsche

seltsam kleyn.

 

-

 

Widerspruch

 

Du gabst mir Worte,

damit ich sie spreche.

Gabst du mir Regeln,

damit ich sie breche?

Wüßte ich bloß, daß nach mir das Ewige ist,

das Immerwährende –

ich wär gewiß der zu dir Bekehrende!

 

Du gabst mir Sinne, die Lüste bereyten

und nennst es gar Sünde, wenn sie mich leyten?

Wüßte ich bloß, wie du über mir stehst

und ob du führend

neben mir gehst...

 

Ach, welches Sehnen macht uns zu Sündern,

zwischen Leybe und Trieben, inmitten von Mündern,

von denen so mancher in Weysheyt sich wiegt,

daß weyt nach dem Seyn, das rechte liegt.

 

Jenes Land mit den Gaben und

Früchten, den süßen –

hast du es gesehn, zu deynen Füßen?

Wenn nicht, dann schweyg und lasse mich glauben,

daß es rechtens ist

von diesen Trauben,

 

und von dem Weyn, den sie geben

berauschend zu trinken,

um dann

in haltende Arme zu sinken.

 

Du gabst mir Worte,

damit ich sie spreche.

Doch sie gaben Regeln,

damit ich sie breche,

um dir zu beweysen, wie treu sie dir sind –

 

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Zwey Gesichter

 

Ich bin deyn Anfassen:

das, was dich liebend machte.

Ich bin deyn Loslassen:

das, was den Teufel brachte.

 

Ich bin jene Zwey und wohne in dir;

und in dem ersten, bin ich Pläsier –

mit meyner Weyse wohlzutun.

 

Das Spiegelbild dessen ist Gegensatz:

nur, wer mich gänzlich beherrscht, hat den Lebensschatz

und nur ihm

gestatte ich

auszuruhn.

 

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Definition von Reychtum

 

Aus golden glänzendem Metall

erwachsen groß die Himmelsstädte,

und täuschen Antwort auf Gebete

in ihrem süßen Widerhall.

 

Schnell meynt es Gold von erster Güte,

beflügelt still so manchen Sinn;

doch oft bleybt wahrer Reychtum Mythe,

in alledem fehlt er darin.

 

Denn jener ist nicht bloß zu fassen,

in Dingen und in Gegenstand.

Vielleycht – wenn wir vom Golde lassen –

fällt uns der Reychtum in die Hand..?

 

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Zeyt

 

Sieh! wie sich alles um uns windet:

wie das Alt im Neu verschwimmt,

mit den Ewigkeyten, die der Morgen nimmt,

bis das Gestern ganz verschwindet –

was ist Bestand?

 

Keyn Teyl von dem ist deyne Hand, was ständig

neue Plätze findet –

keyn Seyn, keyn Ist und auch keyn Land

ist eynzig an sich selbst erblindet:

es fügt sich still und es verbindet

sich mit dem, was gestern

unbekannt.

 

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Kinder der Sonne

 

Es ist. Nichts aber ist dem so gleych,

was seynes Gleychen sucht:

 

nicht in alten Lieben und kommenden

Tagen

ist die Luft, die wir atmen,

so reyn und gottesnah wie in dem,

 

was wir wahrhaft begreyfen.

 

Nicht eyn Funke von dem,

ist im Gestern vereynt, nicht eyner im Werden:

weyl wir Kinder der Sonne und in uns´ren Gebärden

wie sie, nur an eynem Tag –

 

sterben und reyfen.

 

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Seyedt gegrüßt, ihr Nachtgeweyhten, die ihr

heeresgleych und aufrecht schreytedt;

von eyner Tugend angeleytedt, die

eynzig wahrhaft sich erhebt…

 

Durch alles Seyn und alle Zeyten

hat sie alljene überlebt, die

minder groß und herrlich warn. Doch ihr –

 

die Töchter und die Söhne

seydt anbestimmt zur Göttlichkeyt;

ihr seydt des Mondes schönste Töne und

der Welten schönste Zeyt –

 

ihr seydt das Fließen unter allen

und alles Aufgehn, alles Fallen

ist Inbegriff

 

in eurer Ewigkeyt.